Was „The New Normal“ für die Zukunft der Festivals bedeutet

Was „The New Normal“ für die Zukunft der Festivals bedeutet


Im Vorfeld der heiß ersehnten Line-up-Ankündigung für die bevorstehende Ausgabe spannte uns das Primavera Sound mit einer Reihen an Bildern und Posts auf die Folter, die eines gemeinsam hatten – die Aussage „The New Normal“, also das neue Normal.

Das Primavera Sound ist ein Gigant in der globalen Festivalszene und erfreut sich daher ungeteilter Aufmerksamkeit. Als die Ankündigung dann endlich raus war, bestätigten sich die Gerüchte, dass die Köpfe hinter dem Festival in diesem Jahr einen ganz neuen Ansatz für die Erstellung des Musikprogramms verfolgten.

„The New Normal“ ist als Absichtserklärung des Festivals in Barcelona zu sehen.

Auf der einen Seite konnte man dies als Indiz dafür deuten, dass sich die Organisator*innen weiteren Musikstilen für das Festival öffnen möchten. Mainstream-Hip-Hop, Pop, Latin-Trap, R&B, elektronische Musik und Reggaeton sind auf dem Line-up genau so stark vertreten wie die „traditionellen“ Genres Indie und Alternative, die bereits fest mit der Marke verknüpft sind.

Dass ein Baseball-Cap mit der Aufschrift „Ex-Indie“ in die neuste Merchandise-Kollektion aufgenommen wurde, ist dem Richtungswechsel in Sachen Line-up zuzuschreiben und ist außerdem als kleine Provokation derjenigen zu sehen, die sich mit dem diesjährige Line-up nicht anfreunden können.

Das neue Statement des Primavera Sound hat jedoch nicht nur mit den neu hinzugenommenen Musikstilen zu tun, es hat außerdem das Potenzial, einen Wandel in der gesamten Festivalindustrie herbeizuführen.

Die möglichen Folgen daraus gliedern sich in zwei Teile, die untrennbar miteinander verbunden sind.

Erstens geht es darum, weniger abhängig von „traditionellen“ Headlinern zu sein; den etablierten Acts, zumeist aus der Rock-Szene, die von vielen als die geeignete Wahl für die großen Bühnen dieser Welt angesehen werden. Dazu zählen beispielsweise Bands wie Muse, The Killers, Foo Fighters oder Arctic Monkeys, die ausreichend bewiesen haben, dass sie den Anforderungen mehr als gerecht werden.

Natürlich werden Bands dieser Art auch weiterhin eine Rolle spielen – und das mit Recht: Ihre Fan-Base ist gigantisch und wie Arctic Monkeys im Jahr 2018 bewiesen, haben sie es noch immer drauf, neue Musik zu schaffen, die ihrem Status gerecht wird. Vielleicht sollte man jedoch auch mehr Raum für eine neue Art von Headliner*in schaffen.

Sicherlich präsentieren Festivals bereits seit Jahrzehnten verschiedene Musikstile; so finden sich beispielsweise gigantische Rap-Acts oder Superstar-DJs auf den Line-ups wieder. Jedoch gibt es in diesem Bereich noch immer viel Spielraum.

Viele würden mir jetzt wahrscheinlich vehement widersprechen, aber mir ist ein mit Bedacht ausgewähltes Line-up ohne riesige Headliner*innen, jedoch mit einer spannenden Mischung an Acts, das durchgehend Stärke beweist, lieber als eines das drei große Namen präsentiert und im weiteren Verlauf schwächelt.

Falls es den großen Festivals mithilfe dieses neuen Ansatzes gelingt, von dem Drang abkommen, drei bis vier Weltstars an der Spitze ihres Line-up haben zu müssen (wodurch jedoch der Rest des Line-ups leidet), dann unterstütze ich das voll und ganz.

Wenn man bedenkt, dass die Headliner*innen nur einen Bruchteil der gesamten Festivalerfahrung ausmachen, wird ihnen meiner Meinung nach viel zu viel Gewicht zugeschrieben.

Würde man also ein Line-up aus einer spannenden Mischung an Acts zusammenstellen und dabei die obersten Ränge an Bands und aufstrebende Künstler*innen vergeben, die sich erst noch als Headliner*innen im traditionellen Sinne beweisen müssen, wäre das eine einmalige Chance, sie bei ihrem Werdegang zu unterstützen und gleichzeitig den Fundus an Acts zu vergrößern, aus dem Festivals schöpfen können.

Da sich die Festivalwelt jedes Jahr aufs Neue mit Beschwerden konfrontiert sieht, dass die immergleichen Headliner*innen auf den Festivalpostern vertreten sind, wäre dieser neue Ansatz eine Chance, frischen Wind in die Programmplanung bringen.

Mir ist bewusst, dass sich die Einstellung diesbezüglich nicht über Nacht ändern wird, schließlich sind seit dem Headliner-Auftritt von Jay Z bereits mehr als zehn Jahre verstrichen und dennoch gibt es ziemlich laute Stimmen, die behaupten, dass Hip-Hop keinen Platz an der Spitze der Festival-Line-ups hat. Alle, die jedoch in den Genuss der aktuellen Shows von Kendrick Lamar gekommen sind, wissen sehr wohl, dass Hip-Hop auch live äußerst unterhaltsam sein kann.

Nur wenige (bis keine) der großen Festivals könnten gänzlich ohne „Headliner*innen“ auskommen. Fans werden weiterhin solche Festivals bevorzugen, die sich die großen Namen sichern können. Sollten sich Radiohead beispielsweise dazu entschließen, auf einer begrenzten Anzahl von Festivals zu spielen, wäre es aus Sicht der Festivalorganisator*innen natürlich Leichtsinn, sie nicht zu buchen.

Jedoch besteht Hoffnung, dass sich die Einstellung dahingehend ändert, welche Art von Acts es wert ist, für den Headliner*innen-Posten zu sichern.

Eine noch viel wichtigere Auswirkung des neuen Normal des Primavera Sound ist das auf den Festivalpostern angestrebte Geschlechtergleichgewicht.

Eigentlich sollte dies gar keinen Streitpunkt darstellen. Aber leider leben wir in einer Welt, in der die bloße Anregung, alle gleich zu behandeln (was derzeit nicht der Fall ist) auf Hohn, Widerstand und Uneinsichtigkeit trifft.

Weibliche und nicht-binäre Acts sind nicht einmal annähernd so häufig auf Festivalprogrammen vertreten wie ihre männlichen Kollegen. Sicherlich gibt der Markt auf eine Art vor, welche Acts die Ticketverkäufe am wahrscheinlichsten ankurbeln werden, doch selbst wenn man dies einkalkuliert, ist die Kluft viel zu groß. Ein Umstand, der nicht unbemerkt geblieben ist.

Anfang des Jahres 2018 brachte die PRS Foundation die Kampagne „Keychange“ heraus, mit der unter anderem bis 2022 ein Geschlechtergleichgewicht für Festival-Line-ups angestrebt werden soll. Eine Reihe an Festivals wie Bestival, Way Out West, BIME sowie Iceland Airwaves, das bereits im Jahr 2018 mit einem ausgewogenem Line-up ihr Versprechen einlöste, schlossen sich dieser Initiative an.

Die Brisanz der Kampagne und der Missstände, auf die damit aufmerksam gemacht werden sollte, wurden vor allem vor dem Hintergrund des herzlich wenig femininen Line-ups des Londoner Wireless Festivals deutlich.

 

Nach heftiger Kritik versuchte das Festival mit einer ausschließlich weiblichen Acts gewidmeten Bühne Schadensbegrenzung zu betreiben, aber irgendwie war der Zug zu diesem Zeitpunkt bereits abgefahren.

Anstatt hinterher die Scherben aufzukehren, sollten Festivals solche Überlegungen schon zu Beginn der Planungsphase anstellen. Schließlich geht es bei der Zusammenstellung eines Musikprogramms nicht nur darum, einen Haufen beliebter Acts auszuwählen. Es sollte ein viel größerer Schwerpunkt darauf gelegt werden, Künstler*innen auszuwählen, die die Identität des Festivals widerspiegeln und die Werte des Festivals vermitteln.

Natürlich sollte die Entscheidung letztendlich auch leistungsabhängig sein, so auch die Meinung der Gegner*innen solcher Initiativen. Aber zu behaupten, dass es nicht genügend fähige Künstlerinnen und nicht-binäre Acts gibt, um die großen Festivalbühnen zu füllen, ist schlichtweg falsch.

Das Primavera Sound hat sein Versprechen gegenüber der Keychange-Initiative bereits drei Jahre vor der eigentlichen Deadline eingelöst und somit ein Zeichen für andere große Festivals gesetzt: Das Ziel ist umsetzbar und vor allem kann es erfolgreich und zeitnah umgesetzt werden.

Böse Zungen könnten behaupten, dass das Primavera Sound diesen kreativen Ansatz wählte, da es dieses Jahr tatsächlich so aussieht, als täten sich Festivals schwer „traditionelle Headliner“ zu finden. Die Gründe dafür könnten an Tourterminen, Albumveröffentlichungen, Pausen oder Sonstigem liegen, jedoch sieht es definitiv so aus als sei 2019 ein Jahr, in dem sich Festivals bei der Buchung ihres Programms geschickt anstellen müssen, um nicht Gefahr zu laufen, einen Teil ihrer Fans zu enttäuschen.

Ähnlich zynisch wäre die These, dass das Konzept „The New Normal“ ins Leben gerufen wurde, nachdem deutlich wurde, dass es einfacher ist, sich eine größere Zahl an „zweitrangigen“ Acts zu sichern als eine Handvoll etablierter Headliner.

Aber ehrlich gesagt, glaube ich nicht daran. Dass das Konzept als Reaktion auf die aktuelle Lage in der Musikbranche zu verstehen ist, ist nicht zu leugnen. Aber nicht weil die gewünschten Acts nicht verfügbar waren und sich zweitrangige Acts an Bord zu holen, der einfachste Weg war, sondern weil die größten Acts, und zwar die, die derzeit die beste Musik machen, nicht mehr nur wie früher aus vier weißen Typen bestehen, à la Gitarrist, Schlagzeuger, Bassist und Sänger.

Sieht man sich eine Zusammenfassung aus über 100 „Album des Jahres“-Listen für 2018 an, stellt man fest, dass sieben der zehn besten Alben des Jahres von weiblichen oder nicht-binären Solo-Acts stammen (11 befinden sich in den Top 20 und 17 in den Top 30).

Robyn, Christine & The Queens, Janelle Monae, Mitski, Rosalía, Cardi B, SOPHIE, Kacey Musgraves, Ariana Grande, Noname, Courtney Barnett, Tirzah, Tierra Whack, Snail Mail, Kali Uchis, U.S. Girls, Soccer Mommy, Lucy Dacus und Julia Holter waren besonders stark vertreten.

Unter den anderen Top-Acts findet man Namen wie Beach House, Low, Let's Eat Grandma, The Internet, Khruangbin, boygenius, Hop Along und The Beths, die allesamt aus mindestens einer Künstlerin bestehen.

Natürlich haben auch Bands wie IDLES, Parquet Courts, Arctic Monkeys, Daughters, Unknown Mortal Orchestra, Shame, Interpol oder Rolling Blackouts Coastal Fever im Jahr 2018 großartige Alben hervorgebracht und verdienen dafür unsere Anerkennung.

Aber die Ansicht, dass nur bestimmte Arten von Bands oder Künstlern die großen Bühnen der Festivalwelt zieren dürfen, ärgert mich und ist meiner Meinung nach massiv angestaubt. Vielleicht hat es mit einer Nostalgie im Zusammenhang mit dem Urtyp der Festivals aus den 60er- und 70er-Jahren zu tun, als genau diese Art von Acts als Headliner auf dem Programm standen, weil dies die populärste Art der Musik dieser Zeit war. Jedoch muss die Festivalwelt lernen, sich der aktuellen Situation schneller anzupassen und aufregende neue Acts berücksichtigen, um dem ständig wandelnden Geschmack der Fans gerecht zu werden.

Dementsprechend sollte der Ansatz mehr weibliche Acts auf die Festival-Line-ups zu holen nicht als Alibipolitik oder eine Art positive Diskriminierung angesehen werden, die lediglich dem Zweck dient, Künstler*innen zu helfen, die anderweitig keine Chance hätten. Es geht zwar darum, gegen die hartnäckige Unterrepräsentanz anzugehen, jedoch ist dies vielmehr als Weg zu sehen, die harte Arbeit und das Talent dieser Acts und die Beliebtheit und die Unterstützung, die dies mit sich bringt, anzuerkennen.

Letztendlich ermöglicht der Ansatz, den die „The New Normal“-Initiative des Primavera Sound versinnbildlicht, eine neue Denkweise und ist ein Mittel, alle Arten von Talenten zu fördern und gegen Selbstgefälligkeit, Mittelmäßigkeit und die allgegenwärtige frustrierende Haltung, wer erfolgreich sein darf und wer nicht, vorzugehen.

Wenn das neue Normal so aussieht, dann bin ich dabei.

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