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Monika Kruse: „Clubs wollen heutzutage nicht in politische Diskussionen involviert werden“


Wenn man sich mit DJs unterhält, wird schnell klar, dass ihre Leben sehr viel aufregender sind als das eigene. Und natürlich trifft das noch mehr auf DJs zu, die schon seit den Anfängen mit dabei sind.

Monika Kruse ist zweifelsohne eine dieser Personen, ihr Name ist mit dem Techno eng verbunden. Sie wuchs in München auf, erlebte die Geburt des Genres und wurde zur Resident-DJ in einem der berühmtesten Clubs aller Zeiten: dem legendären Ultraschall.

Es gibt viel zu erzählen, denn ihre Karriere überdauert mittlerweile fast drei Jahrzehnte, bei der sie kostenlose Partys schmiss und als Headlinerin bei riesigen Festivals auf dem Programm stand. Aber als es um Geschichten über die utopischen Freiheiten zu Beginn eines völlig neuen Genres ging, konnte ich mich mit meinen Fragen gar nicht mehr zurückhalten.


Kürzlich führte ich ein Interview mit Chris Liebing und er sagte, dass neben Detroit auch Berlin und Frankfurt als Geburtsstätten des Techno anerkannt werden sollten. Wie denkst du darüber?

Ja, das stimmt. Absolut. Ich meine Detroit, Frankfurt und Berlin waren die wichtigsten Städte. Aus Detroit kamen die Produzenten, die die gesamte Szene beeinflussten, aber in Berlin und Frankfurt gab es die Clubs, wo alles passierte.

Daneben würde ich aber auch noch München anführen. München hatte das Ultraschall, einer der Clubs, der vom ersten Tag an Leute aus Detroit wie Jeff Mills und Underground Resistance einlud. Er spielte auch in der gesamten Techno-Szene eine große Rolle. Menschen reisten zu diesem Club. Diese Städte haben eine große Rolle in der Techno-Szene gespielt, definitiv ja.



  

Und du warst Resident-DJ im Ultraschall. Möchtest du eine ganz besondere Erinnerung aus dieser Zeit mit uns teilen?

Es war einfach alles möglich. Die Leute zogen sich total bunt an. Verrückte Kleider, verrückte Hosen und all das. Je schräger, desto besser. Es gab keine Regeln wie man sich zu verhalten hatte, wie man tanzen, was man anziehen oder wie die Musik gespielt werden sollte. Es war einfach unglaublich.

Geld spielte eigentlich keine Rolle. Alle DJs, die damals anfingen, taten es aus Liebe zur Musik, denn wir wurden nicht wirklich bezahlt. Es gab kein Management. Es war wirklich eine Revolution. Jetzt ist es wirklich anders [lacht].

Aber eine Erinnerung, die heraussticht... Es gab so viele. Im Ultraschall gab es jedes Wochenende ein anderes Motto und an einem Wochenende wurde Ambient-Musik gespielt, ohne Beats. Der gesamte Dancefloor wurde als riesiges Bett hergerichtet. Die Leute kamen vorbei und nahmen Pilze oder brachten einfach ihre Bong mit. Alle lagen auf dem Boden und unterhielten sich [lacht]. Der Club war gerammelt voll, ohne dass getanzt wurde.

Es war einfach toll. Das waren die experimentellen Dinge, die zu Beginn des Techno passierten und ich bin total froh, dass ich Teil davon war, da diese Dinge heute leider nicht mehr passieren.

Natürlich ist heute viel mehr Geld involviert. Gibt es irgendetwas, dass die Szene verbessert hat oder ist es nur schlechter geworden?

Der Klang ist natürlich viel besser. Die Ausstattung, die Monitore, die Mischpulte. Es ist viel besser organisiert und was mir gefällt ist, dass es Techno überall gibt, du ihn in jedes Land bringen und so viele verschiedene Kulturen kennenlernen kannst. Was uns zusammenbringt, ist die Musik und das ist wirklich beeindruckend zu sehen. Du kannst verschiedenste Länder besuchen und findest dort trotzdem die gleiche Stimmung: Das wir alle für den Techno zusammenkommen. Es ist wunderbar.

Du warst tatsächlich eine der ersten deutschen Techno-Acts, die international auf Tour gingen. Warum wolltest du das gerne machen?

Weil ich gerne Kulturen entdecke. Für mich ist das der interessanteste Aspekt meines Jobs: Irgendwo hinzugehen, wo ich nicht weiß, was mich erwartet und von den Menschen und den Kulturen zu lernen. Das macht mich richtig glücklich, denn es beeinflusst mich und mein Sein und das macht mir Spaß.



  

War es nicht nervenaufreibend, sich damals auf den Weg zu machen?

Ja, natürlich war es manchmal sehr nervenaufreibend [lacht]. Manchmal hat man sich nach seinem Gig verlaufen, niemand hat einen zum Hotel gefahren und dann fuhr man manchmal mit Leuten, die total auf Drogen waren, weil man sonst nicht anders zurück in die Stadt kam. Manchmal hat man bei den Eltern des Promoters übernachtet, weil es kein Geld für ein Hotel gab. Es war eine Erfahrung. Ich mochte diese Zeiten sehr, obwohl es etwas chaotisch war.

Besonders wenn ich meine eigenen Partys schmiss. Ich hab einige illegale Partys gegeben und jedes Mal ist etwas passiert. Jedes Mal ist die Polizei gekommen und wir haben gesagt, es sei eine Geburtstagsparty und dann durften wir weitermachen. Einmal habe ich in München eine Straßenbahn gemietet und wir haben eine Party in der Straßenbahn gemacht und sind dabei durch die Stadt gefahren. Wir mussten alles in die Straßenbahn einbauen wie eine Bar und die Lautsprecher. Wir hatten sogar Lichter und eine Nebelmaschine. Wir wurden von der Polizei angehalten, die wegen des Rauchs dachte, dass die Straßenbahn brennen würde [lacht].

Eine andere Party habe ich in einem Bunker aus dem zweiten Weltkrieg geschmissen. Chris Liebing war auch da und hat umsonst gespielt. Jemand trat auf ein Kabel und machte damit alles kaputt. Die Musik, die Lichter, alles ging aus, alles war dunkel. Wir hatten nur Kerzen und 50 Leute drängten sich um das Kabel und versuchten es zu reparieren. Und es klappte! Ganz plötzlich – peng – waren die Musik, die Lichter an und als Chris die erste Bass Drum spielte, war die Party fast zehnmal besser als zuvor.

Du sprichst viel über ein Gemeinschaftsgefühl im Club. Was denkst über das Livestreaming, das es heutzutage so oft gibt?

Es hat seine guten und seine schlechten Seiten. Wenn du auf dem Land wohnst oder in einem Land, in das DJs nicht oft reisen, dann kann dir Streaming dabei helfen, dich in DJs zu verlieben und ihnen zu folgen. Das ist gut, aber für meinen Geschmack gibt es ein wenig zu viel Streaming. Ich bin der Meinung, man sollte es nicht übertreiben, denn wenn alles verfügbar ist, verschwindet die Magie. Weißt du, was ich meine?

Ich finde, dass man den Moment im Club mit dem Menschen dort nicht durch Streaming übertragen kann. Du fühlst die Energie im Club nicht und verstehst nicht, warum ein DJ einen bestimmten Track spielt. Das versteht man nur, wenn man genau in diesem Moment im Club ist. Deshalb halte ich Streaming für ein wenig schwierig, da man es vom Computer aus nicht wirklich bewerten kann.

Aber was zum Beispiel Cercle Music macht, ist wunderbar. Sie suchen nach außergewöhnlichen Locations, die den DJs etwas Herausragendes bieten. Diese Art von Streaming gefällt mir sehr, da es einen Unterschied macht, aber generelles Streaming, bei dem jede Party oder jedes Festival gestreamt wird, mag ich nicht wirklich. Es sollte immer noch ein wenig Magie geben, etwas Besonderes. Also, ja, es gibt gute und schlechte Seiten. Ich mag es nicht selbst gestreamt zu werden, ich bin dann immer aufgeregt.



  

Ist der Grund dafür, dass mehr Leute zuschauen?

Ja, also ich bin immer ein wenig nervös, bevor ich spiele. Aber wenn ich weiß, dass es für immer im Internet sein wird, dann habe ich Angst, dass wenn ich vielleicht etwas falsch mache, es für immer da sein wird [lacht].

Das interessiert mich: Du spielt jetzt ja schon seit über 28 Jahren. Bist du immer noch aufgeregt und sind große Sets immer noch große Sets für dich?

Ich bin immer aufgeregt, manchmal sogar extrem. Besonders bei sehr großen Festivals. Aber selbst wenn ich in kleinen Clubs spiele, bin ich aufgeregt, weil mir die Leute am Herzen liegen, weißt du? Ich möchte, dass die Leute eine gute Zeit haben und deshalb bin ich nervös, ob das auch wirklich eintritt.

Es ist Aufregung und Nervosität gleichermaßen, auf dem gleichen Niveau. Ich will, dass wir alle zusammen einen magischen Moment in der Nacht erleben und wenn nur etwa 300 Leute da sind, ist das das gleiche wie bei 10.000 Leuten, denn jeder Einzelne zählt.

Und zu welchem Zeitpunkt im Set geht die Nervosität verloren? Oder ist sie die gesamte Zeit da?

Nein nein, sie legt sich normalerweise innerhalb der ersten drei Tracks, wenn ich eine Verbindung zum Publikum gefunden habe. Wenn die Atmosphäre gut ist, ist sie sofort weg. Manchmal dauert es ein wenig länger, wenn es eine nicht ganz so einfache Nacht ist. Aber sie verfliegt nach einer Weile. Aber ich mag dieses Gefühl eigentlich.

Ich habe eine Therapie gemacht, um meine Nervosität abzulegen, aber als sie weg war, merkte ich „hey, ich brauch das“. Ich mag das, weil es zeigt, dass es mir wichtig ist. Ich habe mit anderen DJs über dieses Gefühl gesprochen und einige meinten, dass sie dieses Gefühl sehr vermissen, diese Aufregung zu fühlen. Deshalb bin ich froh, dass ich sie noch habe.

Ich würde gerne über deine Initiative No Historical Backspin sprechen. Du hast sie im Jahr 2000 gegründet, um damit rassistische und intoleranten Strömungen zu bekämpfen. Im Jahr 2018 mit all dem politischen Chaos scheint diese Initiative meiner Meinung nach so relevant zu sein wie eh und je.

Ja, leider, ja.



  

Manchmal reagieren die Menschen sehr negativ, wenn sich Musiker politisch engagieren. Hast du irgendwelche negativen Reaktionen aufgrund deiner Arbeit mit der Initiative erfahren?

Oh ja, die Menschen regen sich sehr auf. Sogar heute mehr als früher. Denn heutzutage teilt das Flüchtlingsthema die Welt, oder jedenfalls Deutschland. Natürlich verliert man Fans, wenn man sagt: „Ich bin der Meinung, dass Seenotrettung nicht kriminell ist und unterstützt werden sollte“.

Natürlich schreiben dir einige Leute Dinge wie: „Wie kannst du so etwas tun? Wir wollen keine Flüchtlinge in unserem Land, wir haben schon zu viele und sie nehmen unsere Jobs weg“ usw. Wenn du eine politische Meinung vertrittst, bekommst du natürlich einen Shitstorm.

Planst du weitere Veranstaltungen mit No Historical Backspin?

Dieses Jahr war ich sehr krank und musste viele Shows absagen und konnte nicht wirklich etwas planen. Und die Person, mit der ich daran gearbeitet habe... wir arbeiten nicht mehr zusammen und deshalb ist es etwas schwierig, eine Party zu organisieren. Außerdem brauchen wir Clubs, die unsere Partys schmeißen wollen. Ohne die Clubs, kann ich nicht viel machen.

Momentan wollen die Clubs nicht so in diese politische Diskussion involviert werden, wie sie es einst taten. Im Jahr 2000 gab es viele Clubs, die solche Partys ausrichten wollten. Jetzt wollen sie nicht mehr involviert werden.


Auf diesen Festivals kannst du Monika Kruse erleben.

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